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"Ich erlebe eine digitale Spaltung"

Eine Blechkiste, die irgendwo in der Abstellkammer steht und mit der sie bitte nicht allzu sehr behelligt werden möchten – es gebe tatsächlich noch Sozialdienstleister, die IT so sehen, sagt Helmut Kreidenweis. Sie wollten E-Mails verschicken und ein paar Excel-Tabellen anlegen. Mehr nicht. Als Extrem-Beispiel nennt er eine mittelgroße Einrichtung der Frühförderung: Dort kommunizieren die rund 100 Mitarbeiter über ihre privaten Mailadressen, weil sie im Job schlicht keine haben. „Ein Mail-Server würde gut 360 Euro kosten, also nicht mal ein Promille der jährlichen Personalkosten“, erzählt der Professor für Sozialinformatik an der Katholischen Universität Eichstätt. „Aber das Geld will der Vorstand nicht investieren“.

Solche Fälle sind nicht mehr die Regel. Aber eine grundlegende Skepsis gegenüber moderner Informationstechnologie herrscht in vielen Sozialunternehmen. Man arbeite doch mit Menschen, nicht mit Technik, heißt es dann – und das stimmt ja auch. Nur: Ein gutes IT-System kann viel mehr bewirken, als es auf den ersten Blick scheint. Kreidenweis weiß das nur zu gut: Er hat selbst Sozialpädagogik studiert, arbeitete mit Obdachlosen in München Hasenbergl und fürs Jugendamt Tübingen in der Familienhilfe. Seit 1998 hat er sein eigenes Unternehmen KI Consult, das IT-Beratung für soziale Organisationen anbietet. Nebenbei hat er zum Beispiel den Fachverband Informationstechnologie in Sozialwirtschaft und Sozialverwaltung (FINSOZ e.V.) mitgegründet – und auch die ConSozial. Für viele ist er heute eine Art Branchen-Guru.

Seit einigen Jahren blickt er allerdings mit einer Portion Sorge auf die Sozialwirtschaft. „Ich erlebe eine digitale Spaltung“, sagt er. Da gibt es Träger, die ihre IT komplett neu aufstellen, die begriffen haben, dass diese für mehr Überblick sorgen, Prozesse verkürzen und so auch ihre Mitarbeiter entlasten kann. Und dann gibt es diejenigen, die langsam, aber sicher abgehängt werden. Denn die Digitalisierung habe von unserer Gesellschaft Besitz ergriffen, mahnt Kreidenweis. Da gebe es kein Zurück mehr, es rieche eher noch nach Beschleunigung. Aber ist eine moderne IT nicht immens teuer? „Ich würde behaupten: Das ist keine Kostenfrage“, sagt Kreidenweis, „weil die Einspar- und Erlöspotenziale wesentlich höher sind“.

Einer der wichtigsten Punkte sei es nun, sich besser auf die Bedürfnisse der Kunden einzustellen – etwas, was in der Branche gerne noch vernachlässigt wird. Wer schon einmal versucht habe, online einen Beratungstermin zu vereinbaren, wisse, wovon er spreche. Wie praktisch wäre es zum Beispiel, wenn jeder in einem digitalen Kalender sehen könnte, wo noch Termine offen und welche Zeitfenster schon belegt sind. Dann könnte er sich direkt eintragen – Anrufe oder Mails wären überflüssig. Die Kunden wären zufriedener und die Mitarbeiter hätten weniger Verwaltungsaufwand. Technologisch, sagt Kreidenweis, wäre so etwas Pipifax. Trotzdem bietet es kaum eine Organisation an. „Die Kunden sind bisher nur als Datensätze vorhanden, aber nicht in die Prozesse eingebunden, wie das etwa beim Online-Banking der Fall ist“.

Zwar nutzen viele, gerade die jüngeren Mitarbeiter in der Branche, privat Whatsapp, Facebook oder Google Calendar. Aber auf ihren Beruf beziehen sie das oft nicht. Eine Auswertung von Studenten der Uni Eichstätt unter Leitung von Helmut Kreidenweis kam 2014 zu dem ernüchternden Schluss: „Für die weitaus überwiegende Zahl der Kreis- und Ortsverbände von Caritas, Diakonie und AWO in Bayern befindet sich die Social Media Welt noch auf einem anderen Stern“. Und wenn Mitarbeiter Kanäle wie Whatsapp doch nutzen, dann teilweise, um – mangels professioneller Möglichkeiten – darüber mit ihren Kunden zu kommunizieren. „Aus Datenschutz-Sicht ist das verheerend“, meint Kreidenweis.

Andererseits: Wer seinen Kunden nichts dergleichen bietet, für den kann es im schlimmsten Fall irgendwann existenzbedrohlich werden: Die Digitalisierung bringt auch neue (und profitorientierte) Anbieter auf den Markt. Kleine Start-Ups mit innovativen Köpfen, die schnell Entscheidungen treffen können. Sie werden sich zunehmend als Vermittler positionieren – und den Sozialunternehmen den Kundenkontakt aus der Hand nehmen. So, wie es das Portal „Helpling“ schon mit den Reinigungsdiensten macht. „Wer die Daten hat, hat die Macht“, warnt Kreidenweis. Das gelte mit dem neuen Bundesteilhabegesetz umso mehr: Danach soll sich jeder Kunde selbst aussuchen können, welcher Anbieter welche Leistung erbringt; die Caritas kann das Essen liefern, die Diakonie den Fahrdienst übernehmen, wieder ein anderer die Beratung.

Google, Facebook und Co. schlafen außerdem nicht. In den vergangenen Jahren haben sie bereits Milliarden in Käufe von Firmen aus der Gesundheitswirtschaft investiert. Aus Sicht von Helmut Kreidenweis ist es nur eine Frage der Zeit, bis die großen Player auch den Markt der Sozialdienstleistungen für sich entdecken.

 

Von Sarah Benecke

Fachvortrag im Kongress „Sozial + digital = phänomenal? - Digitalisierung aktiv gestalten“ am 27.10.2016

von 13:00-14:00 Uhr

Prof. Helmut Kreidenweis, Kath. Universität Eichstätt, KI-Consult Augsburg

 

 

 

 

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