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Ein ambitioniertes Projekt

Der Intelligenzquotient reicht einfach nicht für eine Diagnose. Um beurteilen zu können, ob und wie stark ein Kind durch seine geistigen Einschränkungen an seiner Teilhabe gehindert ist, müsse man auch die Familie mit betrachten, die Lebensumstände, sagt Dr. Thomas Meysen. Aber bisher, erklärt der fachliche Leiter am Deutschen Institut für Jugendhilfe und Familienrecht e. V. (DIJuF) in Heidelberg, sei das nicht so: „Wenn ich einen IQ von 69 habe, gelte ich als geistig behindert. Wenn ich einen IQ von 70 habe, nicht“. Und das, obwohl allein diese Messung oft schwierig sei. Die Einteilung ist seit langer Zeit aber ausschlaggebend für die Unterstützung, die ein Kind oder eine Familie bekommt. Denn für Hilfen bei geistiger und körperlicher Behinderung ist die Sozialhilfe zuständig, für alle andersartig beeinträchtigten Kinder und Jugendlichen ist es die Jugendhilfe.

Das erste Problem ist die oft unklare Zuständigkeit. Das zweite ist, dass die Hilfen in beiden Bereichen sehr unterschiedlich ausfallen können. Während in der Jugendhilfe auch das Umfeld eine Rolle spielt, konzentriere sich in der Sozialhilfe alles auf den einzelnen Betroffenen, erklärt Meysen. Er gibt ein Beispiel: Ein Kind, das nicht hören kann, muss die Gebärdensprache lernen und braucht dafür einen Kurs. Die Eltern allerdings auch – sie wollen ja schließlich mit ihrem Nachwuchs kommunizieren können. Die Sozialhilfe zahlt aber nur dem Kind einen Kurs, den Eltern nicht. Obergerichte haben geurteilt, dass die Eltern keinen Anspruch auf Kostenübernahme haben. „So etwas“, meint Meysen, „wäre in der Jugendhilfe nicht denkbar“.

Meysen ist nicht der Einzige, der sich eine Zusammenführung der beiden Bereiche wünscht. Auch viele Verbände fordern das seit Jahren. Ein „inklusives SGB VIII“ soll künftig alle Leistungen für Kinder und Jugendliche bündeln, ob behindert oder nicht. 2013 haben Union und SPD eine solche Reform in ihrem Koalitionsvertrag beschlossen, sie ist nun in Arbeit.

Besonders kompliziert macht eine Abgrenzung derzeit auch die Tatsache, dass sich der Hilfebedarf in vielen Fällen nicht nur aus einer geistigen, körperlichen oder seelischen Behinderung ergibt, sondern zum Beispiel auch daraus, dass Eltern bei der Förderung ihrer Kinder sehr herausfordernde Aufgaben haben. Diskutiert werde deswegen unter anderem, die Infrastruktur zu stärken, berichtet Meysen – also mehr Angebote zu schaffen, die die Betroffenen niederschwellig in Anspruch nehmen können, die in der Nähe sind.

Die passenden Orte, um so etwas anzubieten, sind etwa Kindertageseinrichtungen und Schulen. Schon heute gibt es Projekte wie Elternbegleiter oder Elterncafés. Dort soll der vertrauensvolle Kontakt zwischen den Eltern genutzt werden, um sie bei Sorgen oder Nöten zu unterstützen – möglichst, bevor sich diese zu handfesten Problemen auswachsen. „Die Schwelle, bis das Jugendamt von einem Bedarf erfährt, ist meist recht hoch“, erklärt Meysen. Bis dahin könne man also viel tun. Insgesamt findet er diese „Gruppenhilfe“ erstrebenswert. Man müsse allerdings aufpassen, dass sie nicht gegen die Einzelhilfe ausgespielt werde. Die richtige Infrastruktur ergänzt, aber ersetzt nicht - „wir brauchen beides“.

Eines ist Meysen noch wichtig: In einigen Ländern gebe es Überlegungen, einen eigenen Leistungstatbestand für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zu schaffen. Weil diese eine Flucht überstanden haben, werde angenommen, sie seien selbstständig. Das gelte vielleicht fürs nackte Überleben – aber beim Aufbau einer Existenz seien sie im Gegenteil besonders hilfebedürftig, betont der Experte. Zudem hätten die unbegleiteten jungen Flüchtlinge schon aufgrund der UN-Kinderrechtskonvention die gleichen Ansprüche auf Jugendhilfe wie die Deutschen. „Wenn wir sie alleine lassen und nicht in ihre Zukunft investieren, schaffen wir uns ein riesengroßes Problem“.

Klar ist jedenfalls: Das „inklusive SGB VIII“ ist ein ambitioniertes Projekt. Jedes Detail zählt – für die Leistungsträger und Betroffenen. „Ein einziges Wort in dem Gesetz kann eine Milliarde Euro kosten, kann aber auch tausenden Menschen Leistungsansprüche nehmen“, verdeutlicht Meysen, um welche Dimensionen es hier geht. So eine große Reform habe es in diesem Bereich seit dem KJHG (Gesetz zur Neuordnung des Kinder- und Jugendhilferechts) nicht mehr gegeben. Und das war 1990.

Von Sarah Benecke

Tag 26.10.2016

Fachvortrag 16:30-17:30 Uhr

Dr. Thomas Meysen, Dt. Institut für Jugendhilfe und Familienrecht e.V., Heidelberg

"Große Lösung": Wer macht was im Leistungsdreieck

 

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