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Bildung 4.0 - Der lange Weg zur Chancengleichheit

Andere Länder waren einfach entspannter. Dort ist es schon lange Normalität, dass Kinder in die Krippe und in den Kindergarten gehen und die Eltern zumindest einen Teil der Verantwortung abgeben dürfen, ohne schief angeguckt zu werden. In Deutschland dagegen waren Pflege und Erziehung bis vor wenigen Jahrzehnten Sache der Familie. Punkt.

Diese Tradition wirkt bis heute nach: Der Einfluss der Eltern auf den Bildungserfolg ist riesig. Es gibt kaum ein anderes Industrieland, in dem es für Kinder so entscheidend ist, aus welcher sozialen Schicht sie kommen. „Je geringer der Bildungsgrad der Eltern, desto weniger kriegen sie ihre Kinder motiviert“, erklärt Klaus Hurrelmann, bekannter Sozialwissenschaftler und Professor of Public Health and Education an der privaten Hertie School of Governance in Berlin.

Eine Studie von 2004 zeigte zudem: Der soziale Aufstieg ist stärker von der Herkunft abhängig als von der Leistung. Selbst wenn arme Kinder sich also anstrengen – sie sind oft trotzdem nicht so erfolgreich wie ihre reichen Klassenkameraden. Das überrascht Hurrelmann nicht: „Es zählt eben auch, dass die Eltern wissen, wie man mit Lehrern umgeht, dass sie gut gekleidet und gut gelaunt zu Elternabenden erscheinen oder dass sie Nachhilfe bezahlen können“.

Wie also lässt sich dieser Teufelskreis durchbrechen, der ja auch die soziale Schere hierzulande auseinander treibt? Die Lösung, sagt Hurrelmann, fange schon bei den ganz Kleinen an. Natürlich sind sie auch früher groß geworden, als sie noch gar nicht in Krippe oder Kindergarten kamen, weil die Mutter meist länger aus dem Beruf aussetzte als heute – oder gleich ganz zuhause blieb. Aber die Bildungsanforderungen haben sich seit den 1960ern stark gewandelt, sie sind in unserem digitalen Zeitalter anspruchvoller und differenzierter geworden. Da ist frühe Förderung von großem Vorteil für den späteren Erfolg – denn schon die Kita bereitet die Kleinen auf die Schule vor. Das hat die Wissenschaft in den vergangenen Jahren immer wieder bestätigt. Deshalb ist es so fatal, dass ausgerechnet arme Eltern ihre Sprösslinge viel seltener in die Kita schicken. Die hinken dann gewissermaßen von Anfang an hinterher.

Ganztagsschulen könnten diese Nachteile später ausgleichen, sagt Hurrelmann. Allerdings nur, wenn es auch echte Ganztagsschulen seien, die ihre Schüler individuell fördern – und nicht nur an drei Nachmittagen in der Woche ein nettes Beschäftigungsprogramm bieten. Ein Fehler ist seiner Meinung nach auch die Tradition, überall homogene Gruppen zu bilden: gleich alt, gleich schlau. Wir sieben die Kinder daher zu schnell aus – nach meist vier Jahren landen die einen auf der Hauptschule, andere auf dem Gymnasium. Damit nehmen wir den Schwächeren viele Chancen. Denn sie lernen in gemischten Runden mit Leistungsstärkeren deutlich besser. Umso wichtiger ist es, viele Wege nach Rom zu bieten, wie Hurrelmann betont: Auch Schulformen neben dem Gymnasium, an denen man das Abitur machen kann, seien ein ganz wichtiger Schritt.

All das aber bringt wenig, wenn sich bei den Eltern nichts ändert. Sie sind, wenn es um Chancengleichheit geht, der Dreh- und Angelpunkt. „Was wir brauchen, ist ein gutes Training der Eltern“, sagt Sozialwissenschaftler Hurrelmann. „Viele sind eigentlich gar nicht richtig vorbereitet auf ihre Rolle“. Wenn die Kleinen in die Krippe kommen, brauche es Elternabende und Tipps von den Erziehern, ebenso wie in der Schule. Es müsse sich eine Kooperation entwickeln zwischen Eltern und Bildungsinstitutionen. Sogar für einen „Elternführerschein“, den Mütter und Väter in einem Kurs erwerben, kann sich Hurrelmann erwärmen.

Immerhin, die Tendenz stimmt. Der Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg ist in den vergangenen Jahrzehnten kleiner geworden. Wenn es gelingt, ihn weiter zu entzerren, die neue Generation zu stärken – dann wird auch die Einkommensschere sich langsam schließen. Und das wäre für die ganze Gesellschaft ein Gewinn.

Von Sarah Benecke

 

 

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