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Auch die Chefs gewinnen Freiheit

Es gab eine Zeit, da hat Falko Rösler sich oft den Mund fusselig geredet. Er war Gruppenleiter beim Drogeriekonzern dm, hatte 120 Mitarbeiter und fünf Stellvertreter unter sich – und jeder wollte ständig etwas von ihm wissen. „In so großen Gruppen ist es praktisch unmöglich, einen vernünftigen Informationsfluss hinzukriegen“, sagt Rösler. Schon bei Büromitarbeitern mit eigenem PC ist das oft schwierig. Bei den Angestellten, die in Produktion oder Kantine arbeiten, erst recht. Rösler ist sicher nicht die einzige Führungskraft, die manchmal das Gefühl hatte, ein lebendiges Informationsportal zu sein. Aber er ist einer derjenigen, die das nicht einfach ertragen, sondern ändern wollten. 

Vor ungefähr sechs Jahren stieß er auf seiner Suche nach einem Ausweg auf das „Digitale Schwarze Brett“, eine App, die alle Informationen vom Vertretungsplan bis zu den Betriebsrats-Nachrichten für die Mitarbeiter bündeln kann. Die Idee dahinter gefiel ihm. Ein Jahr lang erarbeitete Rösler eine passende Lösung für dm; vor ungefähr vier Jahren ging sie an den Start. Seitdem stehen fünf festinstallierte Touchscreens in den verschiedenen „Produktionsbereichen“ im Logistik-Verteilzentrum in Waghäusel, gelegen zwischen Karlsruhe und Heidelberg. Was früher in Mails oder Aushängen bekanntgegeben wurde, wird dort hinterlegt – und ist für jeden frei zugänglich. Für jede Gruppe und Schicht sind die Informationen getrennt aufbereitet; für Kantinenmitarbeiter sehen sie anders aus als für die Verlader am Warenausgang.

Das alles hat mehr Auswirkungen, als es auf den ersten Blick scheint. Es ist nicht nur praktisch und reduziert den Papierverbrauch, sondern macht die Mitarbeiter autarker. Wer etwa über Ostern noch kurzfristig Urlaub nehmen will, kann im digitalen Dienstplan selbständig nachsehen, ob noch Kontingente dafür frei sind – und muss den Chef nur noch informieren, anstatt sein Anliegen mit zig Kollegen abzustimmen. Die Plattform informiert ihn auch über seine eigene Effizienz - zum Beispiel darüber, wie viele Fehler es in seiner Schicht gab. „Dann kann er zu seinem Chef gehen und gezielt fragen: Warum war das so? Wo lag das Problem?“, erklärt Rösler, der inzwischen Abteilungsleiter der Verwaltung ist.

So eine Feedback-Kultur ist bei dm ausdrücklich erwünscht; das Unternehmen ist bekannt dafür, dass es viel Wert auf die Eigenverantwortlichkeit seiner Teams und flache Hierarchien legt. Trotzdem waren anfangs nicht alle von den Touchscreens begeistert, es gab auch Gegenwind. Denn die Plattform vergisst nicht: Was in einem Protokoll steht, versumpft nicht in einem Mail-Wust, auf unübersichtlichen Whiteboards oder in Zettelablagen, sondern ist leicht wiederzufinden. „Das heißt, man muss zu allem, was man sagt, später noch stehen“, sagt Rösler. Jeder, der seine Meinung mal geändert hat, weiß, wie unangenehm so eine Transparenz sein kann.

Trotzdem: Auch die Chefs profitieren von der neuen Technik. Wenn ihre Mitarbeiter eigenständiger sind, heißt das, dass sie nicht mehr jede Kleinigkeit selbst steuern müssen. Dann gewinnen sie die Freiheit, mehr strategisch zu führen. Ein Unternehmen muss nicht so groß sein wie dm, damit sich das auszahlt.

Von Sarah Benecke

Erleben Sie Falko Rösler auf dem Management-Symposium der ConSozial am 08. November 2017.

 

 

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