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Eine Aufgabe für die kommenden Jahrzehnte

Es erinnerte fast an eine Art Goldgräberstimmung, was sich da unter den Wohlfahrtsverbänden ausbreitete – allerdings nicht im negativen Sinn. Tausende neue Asylbewerber kamen täglich über die deutsche Grenze, sie brauchten zunächst vor allem einen Schlafplatz, Essen, das Lebensnotwendige eben. Und die öffentliche Hand machte Druck, um eine Infrastruktur dafür zu schaffen: Sie stellte die finanziellen Mittel bereit und beschleunigte Genehmigungsverfahren. In dieser angespannten Lage schuf die Sozialwirtschaft – geradezu hemdsärmelig und teils mit großem Improvisationstalent – die Unterkünfte und Angebote, die so dringend benötigt wurden. So beschreibt Dr. Bernd Schubert, Geschäftsführer der AWO Schleswig-Holstein, die Situation bis vor ein paar Monaten. „Ich war erstaunt, als wie reaktionsfähig sich das System Wohlfahrtspflege erwiesen hat“, gibt er zu.

Die hohen Flüchtlingszahlen haben auch bei der Rummelsberger Diakonie strategische Änderungen bewirkt: Bestehende regionale Engagements sind ausgebaut, neue aufgebaut worden. „Zuerst war uns Hilfe für Kinder und Jugendliche wichtig, die alleine ihre Flucht überstehen mussten“, sagt Vorstand Karl Schulz. In diesem Bereich engagieren sich die Rummelsberger schon seit 1986. „Wir haben zum Beispiel Jugendämter auch an Orten, an denen wir bisher nicht tätig waren, unterstützt.“

Um welche Dimensionen es hier ging, zeigen schon die nackten Zahlen: Anfang 2014 ging man davon aus, dass etwa 650 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Bayern kommen würden. Tatsächlich kamen 3.800, im folgenden Jahr dann 15.000. Die Rummelsberger reagierten schnell: Bis heute haben sich die Plätze in der stationären Jugendhilfe auf rund 1.300 verdoppelt. „Schnelles Wachstum geht für uns aber immer mit qualitativer Entwicklung einher“, betont Schulz, „ehrlicherweise und sicher verstehbar etwas zeitversetzt“. Auch bei der AWO in Schleswig-Holstein sind die meisten Plätze in den Unterkünften der Kinder- und Jugendhilfe belegt – und bisher gibt es weiteren Bedarf, wie Geschäftsführer Schubert berichtet.

Nun kommen seit einigen Monaten aber zusehends weniger Asylsuchende nach Deutschland. Viele Erstaufnahme-Einrichtungen, die zuvor noch aus allen Nähten platzten, stehen teilweise leer. Und diese Situation kommt ja nicht vollkommen unerwartet. Wie kann die Wohlfahrtspflege damit umgehen?

Schubert warnt generell davor, sich vorschnell zu Infrastruktur-Entscheidungen hinreißen zu lassen – Zahlungsbereitschaft der öffentlichen Hand hin oder her. Jeder Träger müsse die strategische Überlegung einbeziehen: Was ist mein Plan B? Was mache ich mit der Immobilie, wenn die erwartete Zielgruppe nicht mehr kommt? Die AWO Schleswig-Holstein habe sich deswegen ganz bewusst aus dem Markt der Erstaufnahme-Zentren herausgehalten. „Das ist einfach nicht unser Feld“, meint der Geschäftsführer.

Die neuen Rahmenbedingungen zwingen nun auch die Rummelsberger, kritisch auf das bisherige Wachstum zu schauen und zu prüfen, welche Angebote noch nötig sind, wie Karl Schulz sagt. Denn der Fokus verschiebt sich: Jetzt sind nicht mehr vorrangig Bettenburgen gefragt, sondern integrationsbegleitende Angebote, dauerhafte Unterbringung, Sprachkurse, Arbeitsvermittlung. Bereiche, in denen zumindest AWO und Rummelsberger Diakonie ohnehin eher zuhause sind. „Wir bleiben bei dem, was wir können und gut machen“, sagt Schubert.

Karl Schulz sieht das ähnlich: Die Rummelsberger engagierten sich für eine möglichst differenzierte Versorgungsstruktur und legten Wert auf einen weiten Blick, betont er. Dieser weite Blick gelte einerseits denjenigen, die Hilfe brauchen – und sorgt dafür, dass Rücksicht auf ihre individuelle Lebenssituation genommen wird. „Andererseits haben wir auch einen ressourcenschonenden Blick, der eben nicht nur Wohngruppen als Lösung anbietet, sondern auch teilzeitbetreute oder ambulante Hilfen“. Besonders am Herzen liege ihm jetzt, Perspektiven für die Jugendlichen und Familien zu schaffen, die in Deutschland bleiben werden, sagt Schulz. Und das ist eine Aufgabe für die kommenden Jahrzehnte.

Von Sarah Benecke

Fachvortrag im Kongress: „Wenn die Welle rollt - Herausforderungen für das Management am Beispiel Migration

Tag 26.10.2016

Uhrzeit 16:30-17:30 Uhr

 

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